Einem klassischen “zweiten Teil” begegnet man in den meisten Fällen mit einer gewissen Erwartungshaltung und einer gesunden Portion Skepsis. Man geht davon aus, mehr von den guten und weniger von den schlechten Dingen des Vorgängers zu bekommen. Aber bei aller Zuversicht lässt einem die Vorstellung, der Entwickler wäre dieser im Grunde recht einfachen Aufgabe nicht gewachsen, auch irgendwie keine Ruhe. Das Ganze endet meistens mit einem “Gut, aber nicht so toll wie sein Vorreiter.”-Ergebnis (Halo 2, Banjo-Tooie, Metroid Prime 2 Echoes). Hin und wieder gibt es auch Ausnahmefälle, in denen es sich genau umgekehrt verhält (Ratchet & Clank: A Crack in Time, Assassin’s Creed 2). Und nur ganz, ganz selten werden wir Zeuge eines kleinen Wunders: Nämlich wenn ein Nachfolger seinen Wegbereiter bis ins letzte Quäntchen inhaltlich, technisch und atmosphärisch perfektioniert – und somit in die Liga der Referenzproduktionen aufsteigt (Super Mario Galaxy 2, Uncharted 2). Vor fünfzehn Jahren sollte dieses Meisterstück auch dem britischen Entwickler Rare gelingen – mit seiner innovationsbeladenen, perfekt inszenierten Huldigung an das Jump & Run-Genre Donkey Kong Country 2: Diddy’s Kong Quest.
Spielprinzip: In der Tradition des Vorgängers hüpft und rennt man in Donkey Kong Country 2: Diddy’s Kong Quest mit den beiden Hauptfiguren Diddy und Dixie Kong durch 2D-Welten. Ziel ist das Absolvieren aller Level, das Entdecken der Bonus-Räume und das Bezwingen von Endgegnern.
Jeder weiß: Einen so bedeutenden Grafik-Coup, wie er Rare zuvor mit seinem Klassiker Donkey Kong Country gelang, wäre mit dem nur ein Jahr später erscheinenden Nachfolger allein wegen des geringfügigen technischen Fortschritts kein zweites Mal möglich. Das ist scheinbar auch Director Tim Stamper klar – denn der kompensiert das nun fehlende Wow-Element, wegen dem Teil 1 einst durch die Medien ging, mit spielerischem und inszenatorischem Gehalt. Er konstruiert Diddy’s Kong Quest als knallharten, stylischen, ideenreichen und ultra-atmosphärischen Neuaufguss, der keinen Wert auf überflüssigen Schnickschnack legt und sich auf bewährte Qualitäten besinnt. Dabei scheut Stamper keine Konsequenz, das Spiel auch bis ins letzte Bit zu optimieren. Allein der Wegfall des schwerfälligen Donkey Kong als spielbare Hauptfigur spricht für sich. Der leiht dem Titel eigentlich nur noch seinen Namen und stützt mit seiner Entführung durch Fiesling King K. Rool den angenehm hintergründigen Plot. Seinen Platz nimmt Dixie Kong ein, die gemeinsam mit Titelheld Diddy das steuerungstechnisch beste Duo der Country-Trilogie bildet. Überhaupt vereint Diddy’s Kong Quest nahezu alle Qualitäten der anderen beiden Teile in sich. Das liegt in erster Linie daran, dass der Innovationssprung innerhalb der Serie von Country 1 zu Country 2 am größten ist. Die Grafik wird noch einmal aufgebohrt, die Animationen verfeinert (sichtbar an den Kanonenfässern), der Abwechslungsreichtum erhöht, neue Sammelobjekte, Animal-Buddies und Bonus-Contests hinzugefügt und der Schwierigkeitsgrad drastisch nach oben geschraubt.
Letztere Maßnahme ist dabei kein ungeschickter Schachzug. Die hohen Ansprüche an die Fähigkeiten des Publikums kommen Spielzeit und Wiederspielwert zugute, ohne den Bogen der Frusttoleranz zu überspannen. Erstaunlich, schließlich sind es die unzähligen, vor Genialtät strotzenden Gefahren, die den Weg aus den Köpfen der Entwickler ins Spiel gefunden haben und die beiden Kongs dutzende Tode sterben lassen. Da bestehen ganze Level aus einem einzigen hochgefährlichen Kanonenfass-Parcours, verschwindende Geisterseile müssen zur Überwindung von Abgründen genutzt werden, tückische Windböen ändern die Sprungphysik und klebriger Honig erschwert die Fortbewegung. Immer öfter rückt Rare das Jump & Run-Grundprinzip “Gelange von Start zu Ziel” in den Hintergrund und stellt den Spieler vor komplexere Herausforderungen. Beispielhaft dafür sind die Geisterbahnfahrt, während der man eine bestimmte Anzahl an Gegnern besiegen muss, um ins Ziel zu gelangen, und das Wettrennen mit dem Papagei Screech. Das größte Lob gebührt jedoch Komponist David Wise, der schon am Soundtrack von Donkey Kong Country beteiligt war und dem für seine Alleinarbeit in Diddy’s Kong Quest bereits medienübergreifend Anerkennung gezollt wurde. Wise erreicht mit diesem Score den künstlerischen Höhepunkt seines Schaffens. Erst seinen meisterlichen Kompositionen – genannt seien Hot-Head Bop, Kannon’s Klaim und die berühmte Stickerbrush Symphony – ist es zu verdanken, dass man sich damals wie heute vollständig in den träumerischen 16-Bit-Welten verliert. Spielerisch und inszenatorisch sollte Donkey Kong Country 2 seinen Vorgänger überflügeln und auch vom Nachfolger Dixie Kong’s Double Trouble! unangetastet bleiben – wenn auch nur knapp. Ob dies das Mittelstück der Trilogie zum besten Teil der Reihe macht, entscheidet jeder für sich selbst. Fest steht, dass Diddy Kong selbst 1995 – kurz vor Anbruch des 3D-Zeitalters und nach Jahren des 2D-Jump & Run-Bestehens – immer noch vormacht, wie perfekte Genrekost funktioniert.
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